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Sascha Lino Lemke:

Gedanken zu
"Albumblätter(er) -
4 Fantasiestücke für Klavier zu vier Händen und A/V-Elektronik"


Wahrscheinlich ist es mein Privatproblem, aber mir kommt es immer besonders schwer vor, für Klavier allein zu komponieren. Es ist zwar ein Instrument, das ich selbst ein wenig spielen kann, es gibt aber einfach schon eine lange Tradition und unglaublich viel großartige Musik für Klavier. Was ist dem hinzuzufügen? Obwohl das Klavier einen Riesenumfang hat, schnell und dynamisch differenziert gespielt werden kann, scheint vieles schon ausgeschöpft. Gleichzeitig kommt man schwer um die temperierte Stimmung herum, neue Stimmungen sind im Konzertbetrieb schwer einzufordern, Mikrotonales liegt dann eben "zwischen den Tasten" und geht nur mit wenigen Tricks. Auch Geräuschhaftes scheint im Vergleich zu anderen Instrumenten begrenzter verfügbar, geht man nicht in den Innenraum des Instruments.

Noch stärker aus der Zeit gefallen schien mir die Idee, für Klavier vierhändig zu komponieren. Und genau deswegen habe ich es dann doch getan, weil mich am Ende doch das Abarbeiten am eigenen Widerstand und die Auseinandersetzung mit dieser scheinbar veralteten Form bürgerlicher Hausmusikkultur des 18./19. Jahrhunderts gereizt hat. Eine Praxis aus einer Zeit, als man sich nicht jede noch so abseitige Musik sofort im Stream anhören konnte, sondern sie entweder im Konzert erleben oder eben am heimischen Flügel selbst erspielen musste. Das galt für Klaviermusik genauso wie für Sinfonien und andere großbesetzte Werke: Wer nicht das Glück hatte, dass große symphonische Werke in der eigenen Stadt aufgeführt wurden, der musste sie eben selbst in Fassungen für Klavier vierhändig spielen, wenn er sie kennenlernen wollte. Und wovon es keine Noten gab, und ich meine hier keine PDFs aus dem Internet, sondern Drucke oder Abschriften, das konnte man auch nicht hören. Heute stehen die ererbten Alben bei mir im Regal, lange habe ich sie nicht mehr herausgeholt, Bearbeitungen von Sinfonien ebenso wie Salonstücke, viele, lange aus der Mode geratene Tänze, eine Menge "mittelmäßige" Musik, Gebrauchsmusik eben, vom Blatt spielbar (im Gegensatz zu den meisten meiner eigenen Partituren, was für sich kein Qualitätsmerkmal, aber bei zeitgenössischer Musik häufig ist), Literatur zum Musizieren zwischen Kaffee und Kuchen. Und natürlich sind da auch einige fantatische Werke. Früher habe ich selbst gern und viel mit meiner Großmutter vierhändig gespielt. Als sie starb, war gab ein weiterer Impuls, sich dem Genre mit einer liebevoll-ironischen Hommage zu widmen.

So entstand "Albumblätter(er) - 4 Fantasiestücke für Klavier zu vier Händen und A/V-Elektronik", zu denen ich hier kurz aus meiner Sicht kommentieren möchte. Ein Video des Stücks mit Jennifer Hymer und Bernhard Fograscher gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=LbDek9Ii2XI .


I. "...leider nicht von mir..." - Valse élégiaque

Im ersten der vier Stücke finden die beiden Pianist*innen erst allmählich zum Vierhändigspiel. Zunächst mimt der eine den Konzertpianisten, die andere die Umblätterin (die Rollenverteilung haben sich die Interpret*innen selbst ausgesucht, es geht natürlich genauso gut anders herum). Auch dies eine anekdotische Situation aus meiner Kindheit: Das Arbeiten als Umblätterer in Konzerten bescherte mir Taschengeld, die Freiheit, abends nicht nur länger aufzubleiben, sondern weg von zuhause, in der Stadt als kleines Rädchen des Konzertbetriebs tolle Musik zu hören und "spät durch die Nacht" nach Hause zu fahren. Es bedeutete aber auch Stress: Man durfte beim Lesen nicht "rauskommen", musste rechtzeitig von Stuhl aufstehen, die umzublätternde Seite (und nur die) rechtzeitig in die Finger bekommen und wenden; und dann gab es noch die tückischen Wiederholungszeichen, bei denen man oft mehrere Seiten zurückblättern musste. Aus diesem Setting entwickelt sich das erste Stück, bei dem die Bewegungen der Umblätterin zunehmend ein Eigenleben bekommen und das Stück zu einem labyrinthischen und virtuosen Umblätterkabinett wird. Eine reizvolle Aufgabe bestand darin, einen Weg zu finden, die Partitur so zu notieren, dass der spielende Pianist trotz der vielen Blätteraktionen immer noch aus den Noten spielen kann und der musikalische Ablauf entsteht, den ich mir gewünscht habe. Scheint zu Beginn die Umblätterin "Dienstleisterin" für den spielenden Pianisten zu sein, dreht sich die Rolle irgendwann (ich weiß nicht wo) um, und der Pianist spielt, was die Umblätterin "blättert". Zudem beginnt die Umblätterin übergriffig zu werden, in die Tasten zu langen, den Klavierhocker zu beanspruchen, bis am Ende sich beide zum Vierhändigspiel zusammengefunden haben. Im gesamten Stück ist das Skelett eines Walzers zu hören. Verschiedenste Geräusche ahmen Fetzen aus Johannes Brahms' Walzer op. 39 Nr. 15 nach, einem der "Klassikhits" für Klavier vierhändig. Doch erscheint die Musik merkwürdig stilisiert, zerschnitten, immer wieder hinkend. Die zunehmenden tonhaften Ereignisse haben meist eine gongartige Klangfarbe: Durch Präparationen der Saiten werden bestimmte Obertöne der Saiten hervorgehoben und somit auch viele Tonhöhen erzeugt, die mikrotonal sind, zwischen den Tonhöhen des normalen Klavierspiels liegen. Häufig werden Wolken nah beieinander liegender Tonhöhen gespielt. Wer diese Tonwolken über das Stück hinweg zu einer Linie zusammenhören würde, würde die verfremdete uralte gregorianische Melodie des "Requiem aeternam" hören.


II. Marche militaire

Nicht immer sind mir die neusten, perfekten Instrumente die liebsten. Bei meiner Arbeit verbringe ich immer wieder viel Zeit an einem alten Steinway-Flügel und spiele Diktate für den Gehörbildungsunterricht. Dabei fiel mir auf, dass das Loslassen der heruntergedrückten Tasten wunderschöne klackende Geräusche erzeugt. Aus diesen elektronisch extrem verstärken Klängen, die auf "besseren" Instrumenten als meinem Diktatflügel oft bedeutend leiser sind, entwickelt sich das zweite der Stücke. Die beiden Pianist*innen müssen hier sehr virtuos Tasten stumm (!) herunterdrücken und rhythmisch präzise wieder loslassen. Häufig müssen sie dabei über die Hände des anderen greifen, wodurch das Stück eine gewisse szenische Qualität gewinnt. (Man vermutet, dass der ein oder andere Komponist auf diese Weise Annäherungsversuche an seine Klavierschülerin geschrieben haben könnte.) Wenn jetzt in meinem Stück alles gut läuft, hört man das rhythmische Skelett eines weiteren Klassikers, den "Marche militaire" op. 51 Nr. 1 von Franz Schubert, den Stravinsky schon als elefantöse Zirkuspolka parodierte. Bei mir marschieren nun die Dämpfer in Reih und Glied. Merkwürdig, dass es ganz normal war, sich die Militärparade ins gemütliche bürgerliche Wohnzimmer zu holen, die Begeisterung für die Pracht der Uniformen, die Bewunderung der "eigenen" militärischen Stärke. Einzelne Akzente "normal" gespielter Töne treten hinzu und hallen in den stumm gedrückten Tasten wider, verselbständigen sich dank Elektronik zu Glissandi, die ein Klavier allein nicht produzieren könnte, Kriegsassoziationen sind nicht unmöglich. Am Ende verwandelt sich der Marsch der verstärkten Dämpfer tatsächlich in Marschschritte, die Pianisten müssen mitmarschieren, versteinern aber im Loop einer imaginären springenden Schallplatte. Das Bühnengeschehen scheint selbst nur die verunglückte Wiedergabe eines historischen Dokuments zu sein.


III. Intermezzo: "Aimez-vous Brahms?" - Valse II (bien tempérée)

Nach diesem kleinen Exzess finden die Interpreten zurück zum Instrument und spielen eine weitere Version des Brahms-Walzers, der schon im ersten Stück anklang. Durch eine Mischung von elektronischen und echten Klavierklängen entsteht eine traumartige Musik mit glockenartig reinen mikrotonalen Obertonakkorden und melodisch ungewöhnlich kleinen Tonschritten, die beide auf einem normalen Klavier allein nicht möglich wären. Es entsteht für mich durch die Abweichung von der allgegenwärtigen standardisierten Normstimmung des Klaviers ein neues eigenartiges Instrument. Die Musik ist in ständig sich verschiebenden Loops und Wiederholungen komponiert, mit Schnitten, die meist vom Geräusch des Umblätterns der Noten unterstrichen werden. Oft werden die Blättergeräusche auch Ersatz für die Töne des Brahms-Walzers, die genau hier fehlen, die ich aber trotzdem mithöre. Immer stärker tritt klanglich hervor, dass die live dargebotene Musik sich auf einer imaginären Schallplatte befinden könnte: Das Laufgeräusch eines Schallplattenspielers und das durch das Springen der Nadel erzeugte Knacken wird zunehmend deutlich. Der Loop reduziert sich am Ende auf kurze "Schallplattenleerlaufloops" mit sehr hohen Klaviertönen in stolperndem Wanderschritt.


IV. À...Dieu - ...Blätter fallen... / Glocken und Chor

Ein Abschiedsstück. Während die Wanderschritte der hohen Klaviertöne immer langsamer werden, erklingen im tiefen und mittleren Register arpeggierte Glockenakkorde. Sie greifen die alte "Requiem"-Melodie aus dem ersten Stück wieder auf und kleiden sie in komplexen mikrotonalen Akkorde. Als "Refrain" zwischen den "Requiemstrophen" kommen Passagen, in denen Seiten aus der Partitur herausgetrennt werden. Es zeigt sich, dass die ganze Partitur immer wieder Bruchstücke von Rilkes Herbstgedicht enthält. Die Saiten werden zerissen und gleiten zu Boden wie die Blätter im Gedicht. Die mikrofonierten und transformierten Zereissaktionen formen abwärts gleitende Glissandotexturen, in die sich verfremdete himmelwärts strebende Arpeggien aus dem Brahms-Walzer mischen. Wenn die gesamte Partitur zerissen ist, ist das Stück beendet.